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ANNsichtssache

„No L!“ – W!

Denn Weihnachten ist da. Der große Tag neigt sich dem Abend zu. Der Weihnachtsgottesdienst beginnt gleich, wir sitzen gequetscht wie die Spatzen auf der Stromleitung in einer Bank. So wird einem wenigstens nicht so kalt. Während sich der Pfarrer vorn vorbereitet, werde ich wiedermal mit Fragen zu meinem Studium bombardiert und kläre N. über meine Theorie zum zahlreichen Erscheinen der Menschen in der Kirche zu Weihnachten auf.[Weihnachtlicher Eskapismus, versteht sich. „Ey Maria, hast du schonmal das Wort Eska…Eskapismus gehört?!“. Ich merke, wie mir schon nach 3 Monaten Studium die Basis unseres gemeinsamen Wortschatzes entgleitet.]
Der Pfarrer beginnt zu reden und mir wird nun endlich klar, warum es in der Kirche so wichtig ist, dass man langsam und laut redet. Das tut er scheinbar nicht, doch ich verstehe über das Rascheln in den Bänken hinweg, dass er sich freut, dass wir nicht zu den 53 % der Deutschen gehören, die zu Weihnachten auf den Gottesdienst verzichten können. Wie eine plötzliche Illumination des Klangs wird sein angefangener Satz nun in die Lautsprecher gezwängt und leicht blechern wieder ausgespuckt. Etwas erheiternd, aber es tut der Weihnachtspredigt keinen Abbruch. Dass wir zu Weihnachten in die Kirche kommen, zeigt, dass wir auf der Suche nach Erfüllung sind, die wir nicht im Glühwein, nicht in Weihnachtsmusik oder Geschenken finden. Wenn uns Weihnachten in der Kirche nicht ausreicht, dann ist das eine Einladung, Jesus jeden Tag neu in uns geboren werden zu lassen und somit jeden Tag aus seiner Kraft zu leben. Ich denke „… irgendwo ist es auch eine Ironie, zu denken, Jesus wird jedes Weihnachten aufs Neue geboren und über das Jahr hinweg verschwindet er wieder im Nichts, um im Jahr darauf wieder seinen wundersamen Weg in die Krippe zu finden. Kinder wuchsen auch früher schon. Ganz sicher. Und die Krippe war nur der Anfang.“
Vorn wird nun die Weihnachtsgeschichte vorgelesen. Das plötzliche Aufstehen der Leute hat für mich Flashmobcharakter. Dicht gedrängt, wie die Toasts im Toaster, stehen wir da und hören zu und versuchen gleichzeitig, uns nicht gegenseitig umzurempeln, weil wir nicht wissen, wohin mit unseren Armen. Vor uns plumpst ein rundlicher Junge, eingepackt in dicke Wintersachen, auf die Bank. Auch wird dürfen uns wieder setzen.
Die Kinder und Jugendlichen führen ein Weihnachtsmusical auf. Während sie singen, laufen Maria und Josef im Kreis. Mir würde schwindlig werden. Aber sie singen schön! Hoch und klar … und während ich das bemerke, wird mir auch bewusst, dass ich die Lieder kenne, die sie singen und wir stellen kollektiv und begeistert fest, dass wir vor etwa 10 Jahren auch vorn in der Kirche standen und genau DAS gesungen haben!! Und wieder einmal werden Erinnerungen wach. An uns in weißen Laken, Kerzen in der Hand und mit süßen Stimmchen. „Fürchtet euch niiiicht, fürchtet euch niiiicht *dididi*Groooooße Freude ver-kün-den wir euch!“. Ich freue mich. Und wie. „Ey, ich kann die Lieder sogar noch auswendig!“.
Zum Schluss kommt das große Finale „… stimmet laut mit eeeeeeeeein: Jesus will für alle Friedensbring-er seiheiiiin!! Glooohoohoria, Gloria, Ehre sei Gott in der Höhe *dibididibidi* Gloohohoria, Gloria, Gloria, Ehre sei Gott!“
Ich hab meinen Kaugummi verschluckt. Denke an meine ehemalige Lehrerin, die einem dann immer gewünscht hat, er verklebe sämtliche Magenwände und ich sehe das weihnachtliche Essen aus jeglicher Reichweite entschwinden.
Doch zurück in die Realität. Die Bankreihe erhebt sich und bewegt sich zum Ausgang. Befreit aus der Enge des Gruppenkuschelns.
Nachdem zu Hause der traditionelle Kartoffelsalat verzehrt ist *mjam*, ist Bescherung angesagt. Ich darf mich Besitzerin eines Toasters nennen *juhu* und stelle mir -sehr berechtigt- die Frage, wie ich das Vieh nach Chemnitz schleppen soll. Aber das ist ja erstmal nebensächlich. Mein Bruder, diese Leseratte, packt Buch nach Buch aus. „Die sind doch echt dämlich! Die vergessen immer ein Buch!! Letztes Mal den 2.Band, jetzt fehlt hier der 1.!“, bemerkt er zu einer Bücherkombi. Ganz toll. Ich dagegen habe jetzt einen Schokivorrat, der unter normalen Umständen sehr lang halten sollte, jedoch nicht besonders förderlich ist, zumal ich mein Gepäck irgendwie reduzieren muss und vermutlich versucht bin, bei der Schokireduktion anzufangen.
Meine Geschenke für meine Familie finden unterschiedlich guten Anklang. Mein Bruder trägt den Abend lang den Hoffenheim-Schal für Vati und sagt mir ständig, dass ER sich ja viel mehr über ihn gefreut hätte. Er will sich selbst auch noch einen kaufen. *krmmm* *schnipp* *knaartsch*. Am nächsten Tag kommt Mutti in die Küche und fragt, was David denn schon wieder für Geräusche von sich gegeben hat. „Er hat mir begründet, warum er noch einen Ersatzschal kaufen muss.“ Soll er sich halt einen ostdeutschen Verein suchen, dann hätte er das Problem nicht ;).
Es hat über Nacht kräftig geschneit. Ich stapfe absichtlich in einen 1m- hohen Schneehaufen und bin glücklich. Und male Herzen in das glitzernde Weiß. Das ist Weihnachtsharmonie. Mein persönlicher Eskapismus. Denn ich renne weg vor meinen Skripten.
Ich werde auch weiterhin durch meine Familie unterhaltsam abgelenkt. Mutti wirft meinem Bruder zum Geburtstag seine Geschenke zum Fraße vor, streut zwischendurch immer noch schnell mit ein „Sah ich bei … für … Euro. Ist das nicht super?!“ und mein Bruder verdreht die Augen. In solchen Momenten fühle ich die geschwisterliche Verbundenheit, die er in seinem pubertären Verhalten manchmal verdrängt. ;)
Schöne Weihnachtsfeiertage euch!:)
la piccola fiore

2 Comments

  1. Key word „escapism“: Do you know the story „The shrike and the chipmunk“ by James Thurber?! The shrike is what you call in German „Würger“, a kind of bird of prey, you know? You have to get this story, anyhow.

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