Facebook
ANNsichtssache

Show me your FLOW!

Achtung, das wird ein langer Eintrag. Aber lass dich drauf ein! ;) :D

Ich betrete den Raum, mein Bruder sitzt am Computer. Er starrt gebannt auf den Bildschirm und mit lautem Hämmern hauen seine Finger auffällig oft auf die Tastatur. Ich frage mich, ob die gewissen besonders beanspruchten Tastaturteile herausfallen würden, wenn man die Tastatur umdrehen würde. Vielleicht reißt mein Bruder sie ja zufällig beim nächsten Tor der Fifa-Spieler in die Luft, dann werden wir sehen.
Vor ihm liegt eine Tafel Schokolade. Das Objekt meiner Begierde.
Ich gehe langsam auf sie zu und versuche dabei möglichst interessiert auf den Bildschirm mit den rennenden Minimenschen zu schauen und mich dabei lobend über die Megagrafik zu äußern, die sich einem da bietet. Bei der Schoki angekommen merke ich, dass meine vortäuschende Mühe gar nicht notwendig gewesen wäre, denn ohne, dass mein Süßer es merkt, kann ich mir die Liebe in Braun zu Eigen machen. Mit einer Latenz von etwa 10 Sekunden – in dem Bewusstsein gehe ich extra langsam aus dem Raum- wendet mein Bruder verwirrt seinen Kopf vom Rechner ab, und seine Worte werden mit ihrer Anzahl langsam lauter und schneller. „Heeeey… ey, gib die Schokolade wieder! Das ist meine!“
Wir einigen uns auf einen Kompromiss, er widmet sich wieder seinem Bildschirm zu, nicht ohne zu schimpfen, dass ich ja jetzt sein wichtiges Spiel unterbrochen hätte und er so gute Chancen nur wegen mir (!!) verpasst habe. „Sorry…!“ sage ich, renne schnell raus und muss vor der Tür erstmal grinsen, weil ich wieder einmal beobachten konnte, wie die Herren der Schöpfung in ihren intrinsischen Tätigkeiten aufgehen.
Nicht nur bei Computerspielen, die sich auch nicht nur mit dem Thema Fußball beschäftigen müssen, sondern auch beim direkten Fußballschauen bietet sich der fußballunerfahrenen Frau wirklich ein Schauspiel der Natur. Sowohl amüsant, als auch befremdlich. Wenn man sich schon mal in die Meute grölender Typen mischt, jeder mindestens ein Bier vor sich, auf die Leinwand starrend und am besten noch fanmäßig gekleidet, dann wird man schon Zeuge eines einzigartigen Bildes und man kann sehr schön empirische Untersuchungen mittels Beobachtung durchführen und feststellen, dass hier die gleiche intrinsische Macht am Werke ist, wie wenn mein Brüderchen seine virtuellen Figuren lenkt.
90 Minuten lang starren die Fans, wie schon gesagt, nach vorn, schießt jemand auf das Tor, egal ob hinein oder daneben, stößt die halbe Mannschaft einen Urschrei aus. Ich versuche mich dem besser nicht anzupassen, dazu fehlt mir dann doch der Bass in der Stimme.
Trifft der Ball das Tor, versetzt sich die beglückte Fangemeinde mit einem Schlag in Bewegung, springt auf und stimmt in die Fangesänge ein, während die gegnerischen Fans vor sich hinschimpfen und alles als Glückstreffer abtun. Tut sich im Spiel sonst länger mal nichts, so entwickeln sich die meisten Fans zu Kommentatorenmaschinen. Bier nei, Kommentar zum Spiel (möglichst kritisch!), Bier hinstellen. Und das wiederholt sich dann einige Bierhol- und trinkdurchgänge lang. Und wenn nach 89 Minuten das 1. Tor für die geliebte Mannschaft fällt, dann „war das ja eh klar, dass die das noch machen“. :D JA! Natürlich, ihr Lieben! Und es wäre auch klar, dass während des Spiel draußen die Sonne auf die Straße fallen könnte und ihr würdet es nicht merken!
Nicht, dass ich etwas gegen den Flow habe! Er fasziniert mich ja auf gewisse Weise auch, gerade, weil ich merke, dass es bei meiner Wenigkeit immer weniger Tätigkeiten gibt, die mich in so einen Zustand versetzen. Dazu zählt vielleicht, Blog schreiben, ein gutes Buch lesen oder einen guten Film schauen, mal ein schnelles Kartenspiel, schlafen, Wahnsinnsmusik hören und manchmal geh ich auch beim zeichnen so auf. Aber eigentlich nehm ich mir selten mal Zeit, um bewusst etwas Flowzentriertes zu machen…
Achja, um etwas Klarheit in die Begriffe zu bringen, möchte ich kurz Wikipedia bemühen. Tada: „Der Begriff intrinsische Motivation bezeichnet das Bestreben, etwas seiner selbst willen zu tun (weil es einfach Spaß macht, Interessen befriedigt oder eine Herausforderung darstellt).“ Wenn man das Wort „intrinsisch“ mal etwas umstellt und dabei ein bisschen sächsisch einfließen lässt, erschließt sich die Bedeutung eigentlich schon von alleine: intrinsisch- in sisch drinn – also aus sich heraus und der Sinn liegt IN der Beschäftigung DRINN. :D
Auch zum Flow kann uns Wikipedia ganz gut weiterhelfen: „Flow (engl. fließen, rinnen, strömen) bedeutet das Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit, auf Deutsch in etwa Schaffens- oder Tätigkeitsrausch.“
Flow kann man an verschiedenen Merkmalen der Situation, der Tätigkeit und einem selbst ablesen. So hat die Tätigkeit zum Beispiel bestimmte Ziele, wobei das Ziel direkt in ihr selbst liegt. Außerdem können wir uns auf die Tätigkeit konzentrieren, unsere Sorgen über uns selbst verschwinden, wir vergessen die Zeit und wir meinen, wir wären der Tätigkeit gewachsen.
Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, keine Frage. Und auch wenn ich jetzt etwas kritisch über die Fußballfangemeinde geschrieben habe, denke ich doch, dass es gut tun würde, sich zumindest einmal in der Woche bewusst Zeit zu nehmen, etwas zu tun, was einfach „flowt“, wo man drin aufgeht und was auch irgendwie produktiv ist oder einen auch irgendwie mal zur Ruhe bringt. So oft, auch als Student so in der Prüfungszeit, hat man so viel im Kopf und wenn man gerade lernen muss oder sonst irgendwelche Verpflichtungen hat, dann macht man das meist, ohne den inneren Antrieb dazu zu haben. Man lebt dann auf die freie Zeit zu, in der man endlich das tun kann, was man gerne machen möchte. Also können wir uns entweder entscheiden, alles, was wir tun, aus einer intrinsischen Motivation heraus zu machen, oder wir suchen uns unsere Ruhepole im Leben. Nicht, dass jeder gehetzt durch den Alltag rennt, aber meist ist man doch auch durch die Medienvielfalt mit so vielen Dingen gleichzeitig konfrontiert, die man alle so halb mitnimmt. Geteilte Aufmerksamkeit wird für den eigenen Erfolg und die Zeitausnutzung vielleicht vorteilhaft, aber für Beziehungen und für einen selbst ist es einfach ungesund. Und nicht grundlos gibt es so viele Burnout-Fälle. Ich denke auch, dass selbst, wenn man dann die ersehnte freie Zeit, wie jetzt zum Beispiel die Semesterferien, erreicht hat, man irgendwie wieder nicht den Ausgleich findet zwischen Verpflichtungen und Flowaktivitäten, man schiebt Dinge wie Hausarbeiten bewusst auf, verplempert seine Zeit für Dinge, die vielleicht intrinsisch motiviert sind, aber dabei auch wenig produktiv und es kann sein, dass man sich so viel vorgenommen hat, dass man immer die Liste der noch nicht getanen Dinge im Kopf hat, während man sich eigentlich mal die Ruhe und Zeit nehmen sollte, seine Aufmerksamkeit und Konzentration auf nur eine Sache zu lenken und die dann wirklich richtig zu machen und danach sagen zu können – das hat mir was gebracht, dabei konnte ich vielleicht über was nachdenken, dabei konnte ich kreativ werden, dabei konnte ich abschalten und meine Probleme vergessen, dabei konnte ich mal aktiv werden. Was auch immer man in dem Moment vielleicht gerade vermisst hat.
Ich habe jetzt mal einen internetfreien, weitgehend analogen Sonntag gehabt- bewusst. Und dabei habe ich auch gemerkt, dass es einem eigentlich schwer fällt, sich mal alleine mit etwas zu beschäftigen, ohne, dass irgendetwas anderes im Hintergrund, nebenbei, alternativ läuft. Also ich glaube nicht, dass es mir da alleine so geht. Für mich wäre es schon schwer, auf Musik beim Zeichnen zu verzichten. ;)
Also, wenn ihr meint, das gibt euch was, dann versucht doch auch mal in den nächsten Wochen bewusst solche … ich nenne es mal „Eisschollen“ herauszunehmen, auf die ihr euch zurückziehen könnt. Und überlegt euch was, was ihr eben nicht jeden Tag macht. Das Internet wäre also vielleicht nicht sooo hilfreich. Wenn ihr kreative Ideen habt und sie ausprobieren wollt / ausprobiert habt, dann dürft ihr gerne kommentieren! =)
Ein paar Beispielaktionen:
– Stelle dir eine Playlist aus Songs zu einem bestimmten Thema zusammen, die dir spontan gefallen haben, die du aber noch nicht sonderlich kennst und gehe damit spazieren oder in den Garten, mach irgendwas, während du sie durchhörst.
– Setz dich nachts unter den Sternenhimmel und versuche die Sterne zu zählen. Und genieße das Gefühl, dass du so klein bist und deine Problemchen so unscheinbar wirken.
– Kauf dir sämtliche Teesorten und mach eine Teeparty mit Freunden. Nur Musik hören, Tee trinken, reden. Am besten im Picnicstyle auf dem Boden.
– Egal, ob du zeichnen kannst oder nicht, zeichne/male/kleckse ein DIN A3 Blatt voll mit Farben, Wörtern (z.B. wofür du dankbar bist, was dich stört,…) und was weiß ich noch.
– Schreibe einer Person, die dir wichtig ist und die du vielleicht lange nicht gesehen hast oder zu der du nicht mehr so großen Kontakt hast, einen Brief =).
– Mach Frühjahrsputz, die Fenster auf und hör laut deine Lieblingsmusik!
– Kauf dir ein fettes Buch und schließ dich damit für ein paar Stunden in dein Zimmer ein. ;)
(Verweis auf A ´s Eintrag! ;) )

Achja, was bei meinem analogen Sonntag durch Flow entstanden ist ;) :

Grüßchen,
La piccola fiore

2 Comments

  1. herrlich :D
    besonders die schoki-anschleich-szene!^^
    und ich merke, ich bin doch ein gutes vorbild und dein sächsisch wird besser!^^ intrinsch wär sprachlich noch etwas korrekter XD

    P.S.: denk dran, die Zitate zu kennzeichnen, sonst musst du auch noch zurück treten ;D

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *