ANNsichtssache

Bitte setzen Sie sich doch!- Wo der Kunde König ist.

Haja, wie man sie liebt, diese Gänge zu allen Arten von Behörden, Ärzten und sonstigen Dienstleistern. Manches muss sein, anderes weniger und vieles hat so seine Eigenheiten und vor allem sollte man für das Eine oder Andere besser mal einen ganzen Nachmittag einplanen, sofern man den denn hat. Wunderbar klischeehaft ist das auch mir mal wieder so ergangen. Da beeilt man sich extra, um vom Bahnhof (glücklicherweise fährt ja alles wieder nach Plan) schnell zum abgesprochenen Arzttermin zu kommen und merkt schon beim Eintreten in die Praxis die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens. Das Wartezimmer ist proppevoll und der letzte freie Stuhl, der noch geblieben war, wird nun von dem netten Typen eingenommen, der mir die Tür aufgehalten hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Aussage „Guten Tag, Frau K., Sie können Platz nehmen.“ ernst nehmen soll. Ich würde es wohl im weiteren Sinne interpretieren- ich nehme Platz ein, fülle die wenigen Quadratmeter, die noch bleiben mit dem von der Fastdiät gebliebenen Ich aus und atme den Leuten die dünne Luft weg. Ah, ein Platz wird frei. Nachdem ich mich gesetzt habe, kehrt außer einem Stuhlknarren ab und zu, wartende Ruhe ein. Mann, das könnte ja fast besinnlich sein, wenn nicht alle so auf Kohlen säßen. Wohl auf nicht mehr so heißen, denn die meisten Gesichter sehen ziemlich kühl und desinteressiert aus. Außerdem sitzen sie alle regungslos da, keiner wagt es, sich eine Zeitschrift aus dem Ständer zu nehmen, es wird wohl zum x-ten Mal die Schrift auf den Wandtafeln studiert. Selber Schuld.
Endlich kommt eine Frau in den Raum, die etwas humanere Gesichtszüge aufweist. Sie lächelt sogar und nimmt sprachlichen Kontakt zu ihrem Umfeld auf. Ich bin erleichtert. Inzwischen sitze ich auch schon einige Zeit da und statt, dass sich der Warteraum lichtet, sehe ich, wie draußen im Flur weitere Stühle aufgestellt werden, auf denen sich neue Patienten niederlassen. Die nette Frau zieht um, neben ihre scheinbare Bekannte. Dabei bemerkt sie, dass das an der Heizung läge, die in diesem kleinen Raum bei Frühlingstemperaturen für angenehmes Klima sorgt. Nicht, dass es daran liegen könnte, dass die drückende Stille ein Gespräch quer durch den Raum als sehr unpassend erscheinen lassen würde. Zumal jeder jedes Wort mithört und dann über dies und jenes Bescheid weiß, was er vielleicht gar nicht wissen wollte, sich dem aber auch nicht entziehen kann. Ich frage mich, wie lange man sich wohl in einer Praxistoilette einschließen kann, bis sich jemand beschwert. Ob sich überhaupt jemand beschwert. Nun kommt Bewegung in die Praxis. Zur Tür kommt ein älterer Herr herein, mit ihm eine kränklich wirkende Frau, und zwar ziemlich auffällig kränklich. Ich meine ihre Hautfarbe fast als Grüngräulich einzustufen, aber vielleicht liegt dieser Eindruck auch nur am Widerschein der grünen Praxiswände. Nach einigen Gesprächen mit Arzt und Schwestern kommt heraus, dass wohl ein Notarzt ran muss. Die im Flur Platz genommenen Patienten werden gebeten, die eventuelle Trage und die Rettungshelfer vorbeizulassen. Ich sehe den Wagen vorfahren, die Helfer kommen freundlich grüßend herein und können die kranke Frau auch ohne Trage unbeschadet nach draußen bringen. Einsatz hat sie da gezeigt, die Arztpraxis. Wirkliche Zahnärzte bemühen sich um die ganzheitliche Gesundheit der Patienten. Durfte ich erst neulich erleben, als ich in der Hast des Aufbruchs zu schnell vom Behandlungsstuhl aufgestanden bin und mir dabei ein spitzes Gerätchen in die Hand gerammt habe. Schnell war ich mit einem Pflaster versorgt, wurde wieder langgelegt, bekam eine Blutdruckmessung verpasst und mein Hausarzt wurde gefragt, ob ich gegen alles geimpft sei.
Und noch eine weitere Dienstleistung möchte ich in Augenschein nehmen. Auch der Friseurbesuch ist immer wieder ein Erlebnis, das nur so mit klischeeträchtigen Elementen bestückt, aber auch immer wieder offen für Neues ist. Beginnen wir bei der Absprache über den Schnitt. Sofern man die Sprache des Friseurs spricht, kann man sich in etwa auf eine Länge, einen Stil einigen. Man- also ich zumindest- bringt kleine Bildchen mit, um zu zeigen, was einem so vorschwebt und die Friseuse denkt insgeheim, dass der Schnitt an einem lange nicht so vorteilhaft wirken wird, wie an dem Model auf dem Foto. Am besten man kombiniert auch noch mehrere Fotos und Frisuren und spielt „Wünsch dir was“, indem man die Friseuse mit x Anforderungen an die neue Haarpracht konfrontiert, die man ja vielleicht noch umsetzen könnte und erwartet, dass ein paar Scherenschnitte, Toupierungen, Haarspraysprüher und Föhntechniken einen neuen Menschen aus einem machen. Doch ganz so leicht ist das nicht. „Na dann weiß ich ja ungefähr, wie es werden soll.“ Dabei belässt es die Friseuse, die ich besuche, und beginnt mit der Haarwäsche. „Bitte zurücklehnen.“ Während mir der Umhang fast den Atem abschnürt, wird mir mal wieder bewusst, wie prädestiniert dieses Haarewaschen bei falscher Lage ist, wenn man mal wieder Lust auf einen schmerzenden Nacken hat. Beruhigende Musik klingt nun durch die Boxen, während ich innerlich die Waschgänge mitzähle. Was, noch einer? Aber die Kopfmassage tut gut, auch wenn ich dabei daran denke, dass ich nach dieser Wäsche wohl wieder um einige Haare ärmer bin- bitte, bitte nicht so ziepen! Es ist geschafft. Bevor wir starten, wird nun der herkömmliche Ablauf unterbrochen, oh ja, auch das Friseurgewerbe ist nicht verschont geblieben von der technisch-medialen Modernitätswelle! „Stell doch mal den elektronischen Bilderrahmen für sie auf!“ Ah soso. Dann kann es losgehen. Ich darf auf den Bildschirm starren und Promotionsbilder für den Friseur, aber auch Friseur-Events begutachten. Schlau gemacht, denke ich. Werbung in eigener Sache, Bespaßung der Kunden und gleichzeitig Ablenkung von der Dauer des Schneidens und dem Schneiden an sich. Ich muss auf einen anderen Stuhl umziehen, die Slideshow spielt sich von vorne ab. Meine Aufmerksamkeit wird geteilt, als anschließende Kunden den Salon betreten. „Lassen Sie sich Zeit!“ Na, da muss sich jemand mal freiwillig in die Arztpraxis setzen- wer so bereitwillig wartet.
Nach und nach verändert sich meine Frisur und neben mir sehe ich schon wie eine übertrieben gezeichnete Prophezeiung das Endstadium meiner selbst. Einem Kakadu gleich, Haar für Haar aufgeplustert, gelegt, gerollt- eine Frau, wie sie eben aussehen muss, wenn sie aus dem Friseursalon tritt. Nach 10 Minuten sehe ich ähnlich aus. Die Haare stehen ab, sind eingedreht, voluminös. Ich resümiere, dass ich die verhassten Friseurspiegel nicht mehr so schlimm finde wie früher. Vielleicht liegt diese Feststellung aber auch daran, dass ich mir nicht wieder eine Spontan-Anders-Frisur schneiden lassen habe oder vielleicht auch an der bilderischen Ablenkung? Lange anschauen kann ich mich trotzdem nicht, erst zu Hause wird das Werk näher in Augenschein genommen, anders gelegt, etwas um seinen Aus-Dem-Ei-Gepellter-Kakadu-Look gebracht. Es ist vollbracht. Mal sehen, welche Überraschungen der nächste Besuch bei den geliebten Dienstleistern mit sich bringt.

An dieser Stelle noch ein Foto, das das aktuelle Frühlingsgefühl zum Ausdruck bringt und mit viel Fantasie sogar an den Ertrag der oben genannten Dienste erinnert- das liebe Geld. Nämlich, meiner Meinung nach, in Form eines etwas abstrakten, um einen Strich beraubten Dollarzeichens, das die Flugzeuge in den Himmel gemalt haben.

Bienvenue, Printemps!
La piccola fiore

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