ANNsichtssache

Phänomenal WIR.

In der Turnhallenumkleidekabine beim Umziehen. Ein Mädchen um die vier Jahre mit wilden Locken teilt sich unter Anderem mit mir den Raum. Eigentlich blende ich das Gespräch zwischen ihr und ihrer Mutter aus, bis ich „… aber die ist nass, weil ich heute eingepullert hab!“ wie ganz selbstverständlich aus ihrem Mund vernehme. Und schon wendet sie sich wieder einem anderen Thema zu. Das Phänomen Mensch hat wieder zugeschlagen und ich muss aufpassen, dass mir vor Lachen nicht wieder die Tränen kommen.

Ich erwische mich in letzter Zeit immer wieder dabei, dass mir das eine oder andere Lächeln über die Lippen huscht, wenn ich erneut bemerke, was wir manchmal sagen, tun, wie wir uns verhalten oder wie wir unser Verhalten zu rechtfertigen versuchen. Ich denke, so lange wir über uns selbst noch lachen können, leben wir auch recht gesund. Das Lachen über die eigenen Schwächen oder die kleinen Dinge, die wir im Zusammenleben mit anderen bemerken, eröffnet einem ja auch irgendwie schon eine Erkenntnis darüber, dass man selbst nicht perfekt ist und es auch nicht sein muss. Dass man aber trotzdem aus der einen oder anderen Sache lernen kann und beim nächsten Mal vielleicht anders handelt. Oder dass man eben auch nicht immer alles todernst nehmen muss und über sein eigenes und auch das Versagen von Anderen leichter hinweg gehen kann.

Gerade, wenn ich in der Stadt oder mit dem Zug unterwegs bin, scheint mich dieses Phänomen ständig zu verfolgen. Fast an jeder Ecke lauert es, wenn man die Augen offen hält.
Da wäre die Frau, die sich in das Gespräch im Zug einmischt und einen überflüssigen Kommentar abgibt, da sie uns falsch verstanden hat. Oder die Massen von Rentnern, die den Bus besetzen und dann schlagartig alle an der Haltestelle aussteigen, wo mir mit großen Buchstaben „Seniorentag! Rabatt!“ entgegen prangt. Die Leute im Zug, die ihre Nebensitzer ansprechen und sobald sie darauf auch nur mit einem Lächeln reagieren, volllabern, bis auch der Letzte im Abteil unfreiwillig ihre halbe Lebensgeschichte kennt. Die Nachhausefahrt nach einem langen und wunderschönen Tag, an dem kein böses Wort gefallen ist und die dabei vorfallenden zickigen Streitereien, über die man heimlich grinst, weil man weiß, dass der Andere einfach nur so fertig und müde ist, dass er nicht mehr die Kraft aufbringen kann, nett zu sein. Die Menge an Leuten, die nacheinander über eine knarzende Bodenplatte laufen und man selbst, der man auch schon drüber gegangen ist, und sich nun darüber beeimert, wie einer nach dem Anderen ein verwundertes Gesicht zieht und nach unten schaut.
Oder auch wie schon am Anfang erwähnt, die Worte, die manchmal unüberlegt aus uns heraussprudeln und nach einer Sekunde der Realisation auch in einen Lachanfall münden. So zum Beispiel vor dem UNO-Spiel. Ominöserweise wurde eine Karte hinten mit TippEx-Herzen verziert. „Kratz mal ab!“. Oder das Schild vor dem Laden „Ostern steht vor der Tür.“, wo nur noch der Anhang „Achtung, bitte nicht drauftreten!“ fehlt. Der Typ, der im Workshop eine Frage stellen möchte und in seinem Redepathos die Worte vermischt „Mal angenommen, ich versinse auf meine Zichten…“. Das Mädchen, das in jedem Schuhladen, an dem es vorbeikommt, die halbe Kollektion durchprobiert und letztendlich feststellt, dass sie ja erstmal doch keine Schuhe braucht. Die Studenten, die sich mit Frühlingsanfang im Bus über ihre Dates unterhalten und überlegen, ob sie nun auf sie steht oder nicht. Die Sonne, die uns sagen lässt, dass wir gute Laune haben und der Regen, der uns das so schnell vergessen lässt.
„Ich mag aber die Glitzerschuhe anziehen!“, sagte das Mädchen noch. Glitzerschuhe hin oder her, ich habe für heute ein Glitzern in meinen Augen, wenn ich daran denke, wie phänomenal wir manchmal sind. ;)

La piccola fiore ♥

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