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ANNsichtssache

Die Toten Hosen: Zwischen Paradiesverweigerung und Bibelstunde

Die Toten Hosen sind seit nun schon dreißig Jahren eine der bekanntesten deutschen Punkrockbands. Neben den Musikern „Die Ärzte“ werden sie vom kommerziellen Erfolg nur so gejagt. Das Jubiläumsalbum der Hosen „Ballast der Republik“ erzählt von Freiheit, Politik und Liebe und setzt sich mit den alten Zeiten auseinander. Es schnellte sofort auf die Nummer Eins der Albumcharts. Doch die Bandgeschichte beinhaltet noch viel mehr – auch den Glauben.

Zahlreiche Alben und eine bessere Welt

Dreißig Jahre sind eine lange Zeit. Viele Bands halten sich nicht so lange wacker und erfolgreich. Doch die, die es tun, die wissen auch, wie. Zahlreiche Livekonzerte und der enge Kontakt zu den Fans ließen viele Herzen höher und kontinuierlich mit dem Beat der Alben schlagen. Lieder wie „Hier kommt Alex“, „Alles aus Liebe“ und „Eisgekühlter Bommerlunder“ laufen noch schon seit 1982 auf Kassetten, CDs und MP3-Playern gebannt in deutschen Jugendzimmern und auf Partys. Und nicht nur in Deutschland verzeichnen die Düsseldorfer Erfolg. Mit einer Tour als musikalische Botschafter in Zentralasien, der Türkei, Jordanien, Polen und Israel setzten sie bereits 2010 ein politisches Statement. Campino, Sänger der Band, möchte seinen Teil für eine gerechtere Welt beitragen – und wenn das bedeutet, mit Gratis-Rock ein System auszuhöhlen. „Aber du musst Dich immer fragen, wie viel Öl Du dabei ins Feuer kippst.“, schiebt er hinterher.

Eintritt ins Paradies: zu teuer

„Öl ins Feuer kippen“ – das dürfte für die Punkrocker sicher nicht so fremd klingen. Schaut man sich die Texte ihrer Lieder an, so wird bald klar, dass sie sich auch mit tiefgründigeren Themen auseinander setzen. Damit kippen sie auf gewisse Weise Öl auf die Gemüter. Viele Fans singen die Texte ihrer Idole mit – das regt zum Nachdenken an. In dem bekannten Lied „Paradies“ besingt Campino den perspektivlosen Wettlauf um die Errettung des Menschen. Mit geputzten Schuhen, konform mit der Masse in einer Reihe, nach den Regeln spielen: „Wer Messer und Gabel richtig halten kann und beim Essen grade sitzt, wer immer „Ja“ und „Danke“ sagt, dessen Chancen stehen nicht schlecht.“ Das klingt nach einem Missverständnis. Denn wie Luther schon vor einigen Jahrhunderten herausfand – sola gratia – gerettet wird der Mensch nur durch Gnade. Alles andere ist wie das Haschen nach dem Wind, das König Salomo in Prediger 1 beschreibt.

Verteidiger in der Bibelstunde

Liegen die Hosen deshalb gleich falsch? Sie setzen sich mit dem Glauben ehrlich auseinander. Jedenfalls bekommt man den Eindruck, wenn man ihnen zuhört, in ihren Liedtexten und in Interviews. Sie sind auf der Suche und sie trauen sich heran an den Glauben, verteidigen ihn. In ihrem Lied „Innen alles neu“ auf dem Album „In aller Stille“ heißt es – und das mag den einen oder anderen Fan verstören – „Innen ist alles neu und ich bin okay, ja ich bin okay, seitdem ich neuerdings zur Bibelstunde geh‘!“ Spießige Rocker? Ernsthaftigkeit gefragt! Campino und zwei Bandkollegen hielten 2008 eine Schulstunde an der Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder für die Zeitschrift „Spiesser“. Dabei fielen verschiedene Antworten und Fragen zum Thema Religion: „Die Auseinandersetzung damit sollte meiner Meinung nach niemals enden. Man kann zum Beispiel nicht einfach sagen „Ich bin Katholik“ und das dann zeitlebens nie wieder ernsthaft hinterfragen. Außerdem ist es nie zu spät, ein- oder auszusteigen in die Religionsdiskussion.“, so Campino. Und ging es sonst sehr spießig zu- mit einer Punkband als Lehrer? Auslegungssache! Auf jeden Fall forderte der Sänger der Toten Hosen seine Leihschüler zu einem Umdenken auf: „[…] Neben dem Kritisch-Sein darf man nicht die positiven Aspekte vergessen, die Religion auch hat. Ich denke, dass auch viele Leute im Namen des Glaubens unglaublich gute Sachen machen, über sich selbst hinauswachsen und Kräfte gewinnen, die nur durch ihren Glauben zu erklären sind.“

„Wir sind das ‚Opium für’s Volk’“

Im Jahr 1996 brachte das Label JKP das Album „Opium fürs Volk“ der Toten Hosen auf den Markt. Wer bei diesem Titel vorschnell auf die Religionsschiene von Marx gelangt, den bringt Campino in einem Statement gegenüber der Zeitschrift „Musikexpress“ zum Umdenken: „In ‚Opium fürs Volk‘ sehen wir all das, was die Leute beruhigt, was sie in ihren Sesseln bleiben lässt. Bloß keine Rebellion machen, bloß nicht wach werden, aufstehen, Terror machen, bloß nicht ungemütlich werden. Letztenendes sind wir auch irgendwie ‚Opium fürs Volk‘.“ Und wie es scheint, wollen sie als Band das nicht bleiben. Zur Besinnung und Ruhe zum Schreiben der Texte des oben genannten Albums zog sich der Sänger der Band sogar in die Benediktinerabtei Königsmünster zurück.

Nächstenliebe – gar nicht „tot“

Die Toten Hosen packen an. Sie singen von Liebe bis zum Tod, in ihrem neuen Charthit “Tage wie diese“ von Unendlichkeit, sie wollen die einfachen Leute erreichen und mit ihnen in Kontakt stehen. Bereits 2001 finanzierte die Bands Hausaufgabenhilfe, Fan-Projekte gegen rechts und Anwaltshilfe für Asylbewerber. Das klingt nach praktischer Nächstenliebe.

Liebe und Glaube, die anecken und weiterdenken

Die Toten Hosen mögen anecken und quer denken. Ja, sie provozierten sogar eine „Neuweihung“ einer Kirche, nachdem sie in dieser ein Musikvideo gedreht hatten. Und dabei ging es da nur um Alkohol, welcher eigentlich fester Bestandteil des Abendmahls ist – so verteidigt Campino den Inhalt des Videos. Doch trotzdem kann die Band den Einen oder Anderen auch zum Nachdenken bringen. Setzt sich der eingefleischte, jahrelange Christ mit den Fragen seines Glaubens auch noch so intensiv auseinander? Bleiben wir in unseren Sesseln, ohne anzuecken? Nicht jeder hat die finanziellen Mittel wie eine kommerziell so erfolgreiche Band, das ist klar. Aber doch kann der praktische Einsatz für Benachteiligte in der Gesellschaft – oder auch einfach im persönlichen Umfeld – gelebter Glaube voller Herzblut sein. Und zwar fernab von regelkonformem „In-der-Reihe-Stehen“. Vielmehr aus Liebe zu Gott und zu den Menschen. Und vielleicht auch ein bisschen zu guter Musik.

La piccola fiore

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