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ANNgelesen: Ein himmlisches Rezept für die Liebe

Romantikhasser und Märchenverachter könnten jetzt losschreien und schon angesichts des Buchtitels das Handtuch schmeißen. Ich hab es nicht getan, obwohl mich hin und wieder eine unangenehme Gänsehaut der Verstörtheit gegenüber diesen kitischigen Ami-Romanen und Filmen überkommt. Und dann auch noch verbunden mit „himmlisch“ – kann das gut gehen?!

Der Roman „Ein himmlisches Rezept für die Liebe“ wurde von Laura Jensen Walker verfasst. Im Original heißt der Titel „Miss Invisible“ und trifft den Inhalt des Buches eigentlich viel besser als der deutsche.

Die Hauptfigur: Kalifornische Endzwanzigerin mit gewichtigen Problemen

Die grobe Szenerie sieht so aus: Frederika, genannt Freddie und ungewollte Tochter eines Vaters mit Barbie-Lebensgefährtin und Stiefmutter von Freddie, fristet ihr Privatleben als graue, von ihrem Verlobten betrogene Maus und arbeitet dafür in einer umso bunteren Branche: einer Konditorei. Ihre Arbeitskollegen, abgesehen von ihrer aufgestylten arroganten Chefin, sind vorerst ihr einziger Freundeskreis. Daneben gibt es nur noch ihre vegetarische Mitbewohnerin und ihren einäugiger Hund Zsa Zsa.

Die Rezeptefrau: Partyservice-Fachmännin mit Feuer und Farbe

Was Freddie immer und immer wieder beschäftigt, ist ihre Körperfülle. Sie beginnt, einen Blog über ihr angebliches Außenseiterdasein in einer von Schlankheit und Schönheitswahn besessenen Welt zu schreiben. Nebenbei lernt sie während ihrem Versteckspiel vor den „Schönen und Begehrenswerten“ die quirlige, selbstbewusste und dennoch um einiges kurvigere farbige Partyservice-Köchin Deborah kennen. Diese bringt das Leben der Freddie um einige km/h mehr in Bewegung, nicht nur beim Wassersportkurs, den beide besuchen. Deborah fordert von Freddie, sich zu zeigen und zu ihrer Persönlichkeit und ihrem Körper zu stehen. Sie, die selbst aussieht, wie in sämtliche Farbtöpfe gefallen, führt Freddie nach und nach an diverse Farben heran – was Klamotten betrifft und Charakterfacetten.

Die Moral: Freunde, die sich nicht aufgeben, sind stärker als Zweifel und Vorurteile

Durch den Austauch mit Bloglesern wird Freddie zudem bewusst, dass sie selbst in ziemlich starken Schubladen denkt. Sie grenzt ebenfalls aus, wer nicht wie sie ist. Sie selbst hat sehr große Vorurteile und muss diese auch im realen Leben einsehen und verwerfen.
Freddie lernt, sich durchzusetzen und sich zu wehren. Gleichzeitig wird sie zum (zu?) glorreichen Beispiel einer Person, die sich für ihre Freunde einsetzt und gleichzeitig deren bedingungslose Annahme bekommt und trotz Selbstzweifel alles schließlich irgendwie reißt.

Der Prinz: Das Doppelpack am Rande

Da der Titel das Thema Liebe beinhaltet, möchte man meinen, der Großteil des Buches wird von einer Schnulze bestimmt. Dem ist aber nur bedingt so – Freddie findet Liebe zu sich selbst, zu Gott, der sie geschaffen hat und zu ihren Mitmenschen. Und – na gut – es treten auch gleich zwei Männer in ihr Leben. Nach anfänglichen Turbulenzen klärt sich auch das.

Was ich dazu denke: Lockerflockiges modernes Märchen mit Denkpotential

Ich muss sagen, das Buch ist für mich nicht immer konsistent. Man bräuchte eventuell mehr Zeit und Seiten, um eine solche Veränderung, wie beschrieben, richtig nachvollziehen zu können. 320 Seiten sind nicht unbedingt wenig, aber gerade gegen Ende des Buches scheint es mir, als würde die Autorin noch einen Marathon an Aufs und Abs einfügen wollen. Hinzu kommt das klassische Happy End, das man aus den vielen Aschenputtel-Analogien kennt. Die Gedanken aus der Ich-Perspektive sind zwar nachvollziehbar, aber das Wettern über Gewicht und Aussehen kann mit der Zeit einfach nerven. Das ist aber vermutlich gewollt, denn Freddie macht mit dem Buchverlauf ja selbst die Erfahrung, dass sich alles nur um sie gedreht hatte.

Lockerflockig geschrieben ist das Buch aber gut zu lesen und eine schöne Ablenkung, wenn man leichte Kost mag. Nicht alles ist rosarot, ganz und gar nicht, das macht Emotionen erlebbar. Aber durch oft großen Optimismus und Wendungen im Gegensatz zu Pessimismus und Dahinfristen wirkt dies eben auch manchmal etwas unglaubwürdig.
Positiv ist, wie unkompliziert alles beschrieben ist, man gleitet über die Beschreibungen vom Essenzubereiten, Tortendekorieren und Outfits nur so dahin. Es ist also nicht langweilig und es transportiert auf einfache Weise zwei wichtige Weisheiten und beide finden sich am Anfang bzw. Ende des Buches:

„Für Gott ist niemand unsichtbar.“

&

„Es ist nie zu spät, der Mensch zu sein, der man eigentlich hätte sein können.“ George Eliot

Wer nicht auf Plattitüden steht und eher tiefgründiges Lese-Schwarzbrot mag, sollte sich den Roman nicht anschauen. Aber wer eine lebhafte Hollywood-Happy-End-Fantasie hat, der wird dieses Buch vielmehr als angenehmes Drehbuch für das Kopfkino empfinden. Die amerikanische Mentalität kommt durch, im Sinne von „Gott ist auf meiner Seite und wenn ich jetzt noch viel Sport mache und nett zu meinen Mitmenschen bin, wird alles perfekt und rosarot“, so steht auch zum Schluss der typische Märchenendsatz „Und alle lebten danach glücklich bis an ihr seliges Ende.“ Ich denke, das ist auch etwas kokettierend gemeint und man kann selbst daraus mitnehmen, was man für gut befindet.

La piccola fiore

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