ANNsichtssache

Good Hair Day

Ich hab von Friseuren kaum noch eine Ahnung. Sie beschränkt sich auf das feste Wissen, dass sie sich in Städten an allen erdenklichen Ecken befinden. In meinem ehemaligen Dorf gab es wohlgemerkt zwei und dafür konnten die Bewohner scheinbar gut und gerne auf einen Bäcker verzichten.

Die Zeiten haben sich seit damals geändert. Damals, als ich mir die Haare noch kurz schnippeln ließ, um damit meiner männlichen Umgebung Konkurrenz zu machen, mich mit Gel und Haarwachs besser auskannte als mit Lippenstift. Seit der Wette mit meinem Freund, ob ich meine Haare ein paar Monate wachsen lassen kann, ohne zum Friseur zu gehen, bin ich selbst total angesteckt von diesem Wachsfieber – also Haare wachsen lassen und so. Ob optimal oder nicht, es schont zumindest auf gewisse Weise den Geldbeutel – wobei wohl mal eine Studie angemessen wäre, ob der Shampooverbrauch im Verhältnis zur Haarlänge nicht auch drastisch steigt.

Mein Freund hat also sein Ziel erreicht, was meine Haare betrifft. Aber das Mannsvolk lässt sein Haar ja jenseits der zwanzig selten selbst viel länger als bis zu den Schultern wachsen, es sei denn es lassen sich die Schatten der Metalvergangenheit nicht aus Leben und Haargewohnheiten vertreiben oder es wird wie bei diesen Bart-Mützen praktischerweise Haar- mit Bartwuchs gekoppelt und zu einer gemeinsam kooperierenden Vegetation herangezüchtet. Wie dem auch sei – man kann durchwuscheln, aber der Mann an meiner Seite hat seine Gewohnheiten und die sind kurz. „Guten Tag, wie immer, Schere raus und schnipp schnapp ist es beim Alten.“

 

Ich hatte nun beschlossen, meinen Wetteinsatz auf gewisse Weise einzulösen: den Fön gewissermaßen als Wind der Veränderung an die Koteletten des Herren heranführen. Vorsichtig, warm und einfühlsam. „Wir gehen einfach mal hin und schauen uns – natürlich zusammen – die Frisurenbücher an und dann entscheiden wir, ob und was wir verändern lassen wollen, könnten, werden …“ – zaghafte Versuche einer Frau, ihn in eine befreite und schnieke Zukunft zu entlassen.

Die Schritte waren zaghaft, aber zuversichtlich. „Gewaschen hab ich schon, Trockenschnitt, kurz, so und so.“ Naja, ich war keine Einzelkämpferin. Der Friseur mit perfekt gestyltem Schopf hob die exakt gezupften Augenbrauen und mit einem Ton, der keinen Widerspruch erlaubte, stellte er seinen Plan vor: Waschgang mit Kopfmassage, ein natürlicher, ordentlicher Schnitt, Haarwachs, Föhn, Haarspray.

Während ich aus der Ferne beobachten konnte, wie die Verwandlung vonstatten ging, konnte ich quasi eine beeindruckende Metamorphose in dem Gesicht sehen, dessen Oberhaar gerade bearbeitet wurde. Von kritisch-zugekniffenen Augen, Grinsen in meine Richtung, verständnisvollem Nicken bis … Ich muss sagen, ich hatte eine Weile nicht mehr hingeschaut und mich in meine Boulevardlektüre vertieft und dann zog da doch wieder etwas meine Aufmerksamkeit auf sich: Objekt der Schere saß nun entspannt im Stuhl, ein Handtuch locker über die Schultern gelegt, die Frisur wie eine Eins und in der Hand ein Tässchen Cappuccino. Ein Plausch mit dem Friseur, während dieser eine pinke Haarsprayflasche vor meinem Freund abstellte. Spätestens da erwartete ich Blicke des Protests. Aber – … nichts.

Lecker - Wellness ...

Strahlend kommt der Herr schließlich zur Kasse und bewundert das Werk, stellt mir seinen neuen Stammfriseur vor und gibt großzügiges Trinkgeld. („Den Cappu gab’s gratis!!“) Muss ich mir Sorgen machen? Ich habe zwar inzwischen keine Bubifrisur mehr, aber wenn der Friseurbesuch bei meiner besseren Hälfte wie ein Wellnessurlaub wirkt, dann sollte ich mich vielleicht auch mal wieder in die Scherenhände begeben. Oder … ach naja, Cappu und Schere hab ich auch zu Hause. ;)

 

La piccola fiore

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