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nostalgieminuten: Ein Kind der Neunziger stolpert ins digitale Zeitalter

Nostalgieminuten

Heute habe ich mal keinen Blogpost mit viel Tiefgang. Vielleicht liegt das auch im Verständnis des Lesers. Wir können uns heute zusammen nostalgisch in unsere Gedanken zurückziehen oder ein Stück von der Langsamkeit mit in unseren Alltag nehmen. Das bleibt jedem selbst überlassen. :) Damit das Ganze nicht zu lang wird, werde ich meine Erinnerungen voraussichtlich in mehrere Posts aufteilen. Wahrscheinlich wird das alles sehr subjektiv, darum freue ich mich, wenn ihr mit nostalgieren wollt!

 

Als ich neulich so im Bett lag, ist mir etwas Erschreckendes aufgefallen, das bestimmt auch der Eine oder Andere von euch kennt. Mein Laptop war aus, aber mein Tablet lag da noch in Reichweite meiner Armlänge und wahrscheinlich hätte ich auch das Risiko auf mich genommen, meinen Fuß am Bettpfosten zu stoßen, um es zum Kuscheln einzuladen. In den Momenten in der Nacht, wo man kurz vor dem Einschlafen noch mal ein paar Gedanken über das Leben und den Tag verschwenden könnte, nimmt die verfügbare Technik für mich erschreckende Anziehungskraft an. Was soll das? Den ganzen Tag hatte ich Zugang zum Internet, konnte mich zerstreuen, konnte meine Arbeit erledigen, Musik hören, Videos schauen, Blogs lesen, mich mit Freunden unterhalten und telefonieren. Das alles auf einem Gerät. Man sagt nicht umsonst ‚Nachtruhe‘ zu den wenigen Stunden, die man in völliger Stille verbringt. Einfach als Mensch, als Organismus mit Geist und Seele, die sich die wildesten Gedanken und Träume erspinnt und den Körper hoffentlich am nächsten Morgen erfrischt in den neuen Tag entlässt.

Ich kann nicht genau sagen, wie lang ich da noch so schlaflos herumlag und meine Gedanken schweifen ließ. Heraus kam zumindest ein Bild meiner analogen und frühdigitalen Jahre, die mich in gewisse Nostalgie versetzen sollten.

 

nostalgieminuten pcDamals begann unsere Chatsprache sich langsam in unsere Zettelkommunikation einzuschleichen. Ich weiß noch, wie ich als kleine Maus in der Küche saß und meine Oma und Mutti gefragt habe, was die Figuren in meinem Comic denn mit [kool] meinen. Auf dem Gymnasium also hielten dann die kleinen Häkchen (^^) einen glorreichen Einzug und auf den heimlich hin- und hergeworfenen Zetteln und großartigen Plänen, die wir im Unterricht geschmiedet haben, erschienen immer wieder die Abkürzungen lol und rofl, selbstverständlich mit den obligatorischen Sternchen versehen. Welch Ironie, als wären wir zu faul, um unsere Gefühle auszuschreiben. Natürlich auch der Beginn der Smileys. Heftiger war es dann, wenn die Abkürzungen sogar gesprochen wurden. Eine klare Ansage an die Sprache: Wir sind jetzt cool (jawoll, da wusste ich dann auch, was das heißt) und digital. Oder so. Meine Großeltern mussten mich bei meinen Besuchen fragen, was ich denn mit diesen kryptischen Zeichen in meinen Briefen meine. Mh.

 

Ich hatte lange Zeit kein Internet und musste mit den Zeiten zurecht kommen, wo ich mal einen Internetzugang hatte. Die habe ich aber auch zutiefst genutzt. Ich weiß noch, dass ich in der sechsten Klasse ein kleines Büchlein mit mir herumgetragen habe, in das ich alle Internetadressen eintrug, die ich zu greifen bekam. Ich vermute, dass da der größte Mist dabei war und dass ich mir auch nicht alles angesehen habe. Dann gab es da diese tollen CDs mit gewissen Extras. Damit bin ich zu meiner Freundin gegangen, deren Familie einen ISDN-Anschluss hatte und dann konnte ich den Telefonanschluss für ein online verfügbares Musikvideo oder exklusive Informationen über die Band flach legen. Was für ein Thrill!

 

Da ich damals sehr diskussionsfreudig war, habe ich mir manchmal ganze Pamphlets an Informationen zu den Themen aus Büchern (!!) herausgeschrieben und dann am Computer abgetippt. Ich kann von Glück reden, wenn mein Gegenüber sich das Ganze dann auch tatsächlich durchgelesen hat. Übersichtlicher als heute auf Facebook war die Nachrichtenfunktion von dem pinken sozialen Netzwerk wahrscheinlich schon. Zumindest hatte da nicht alles diesen App-Charakter. Zum Chatten war damals dafür ICQ der heilige Gral. Ich glaube, dort war fast jeder meiner Freunde und Bekannten. Her mit der ICQ-Nummer, Hauptsache haben, auch wenn man nie miteinander gechattet hat – gut, das ist wie heute mit manchen Facebook-Freunden. Damals jedenfalls am besten von irgendwelchen Unbekannten aus Chatrooms (jaja, sowas gab es da auch). Wir haben uns immer mal den Spaß gemacht und unter Freunden die Accounts getauscht. Wenn dann jemand in meinem Account online war, hat er irgendwelchen Mist (wohlgemerkt in meinem Namen) an meine Freunde geschrieben und andersherum. Keine Ahnung, wie wir das Vertrauen und die Gutgläubigkeit dafür aufgebracht haben. Auf alle Fälle hat mir das ziemlichen Spaß gemacht. Unglaubwürdig war das Ganze vielleicht dann, wenn man gerade solche Leute angeschrieben hat, mit denen man vorher online nie ein Wort gewechselt hatte, wovon der Tauschpartner aber nichts wusste. So konnte man ganz neue Seiten von sich offenbaren.

Spannende Fotoobjekte und Dokumentation aller möglichen Gehuntergründe ...
Spannende Fotoobjekte und Dokumentation aller möglichen Gehuntergründe …

Wie man weiß, haben Schüler, wenn sie nicht gerade mit Urlaubmachen und Ferienjobs beschäftigt sind, in den Sommerferien (aaah) sehr viel freie Zeit. Da kommt Langeweile schon mal auf und wenn sich zwei mit einer Schnapsidee auch noch in der Mitte treffen, dann macht es BLING und zwei neue Blogs von pubertierenden Teenagern sind online. Dass das niemanden interessiert und erst recht nicht das, was wir da wirklich reingeschrieben haben, war damals nicht relevant. Es gab ja nicht mal wirklich sinnvolle Verbreitungskanäle dafür. Also blieben wir – und schließlich nur noch ich – in unserer eigenen kleinen und diffusen Community. Ich habe geschrieben und geschrieben, ungeachtet der Relevanz oder Anmut der Worte. Was soll ich sagen – hätte ich nicht aus einem unerfindlichen Grund damit angefangen und immer weitergemacht, gäbe es heute nicht die hier vorliegende Fortsetzung. Hihi. Besonders viel Spaß hat es mir gemacht, so genannte Blogjubiläums-Partys zu feiern (mal davon abgesehen, dass ich sehr viele Jubiläen „gefeiert“ habe). Zu diesen Anlässen habe ich sämtliche ICQ-Kontakte in einer Gruppennachricht versammelt und sie zu feierlicher Stimmung angeregt. (Ich schätze, das war der Beginn meiner Allüren, Menschen zu verknüpfen.) Es kristallisierte sich der Trend der „Bloggeschichte“ heraus. Jeder der Beteiligten schrieb einen Satz. Zum Schluss habe ich einen wilden Wust an verrückten Gedanken aus jungen Köpfen aus dem Fenster kopiert und – bam – in meinen Blog kopiert. Kopfschütteln.

 

Ich weiß auch nicht, es war alles ziemlich … interessant. Neu. Spontan. Spaßig. Einen jungen Menschen beschäftigen genug Dinge, die einem das Leben nicht immer leicht machen. Wahrscheinlich hat jede Generation ihre Art, damit umzugehen.

 

Im nächsten Teil dieser Reihe erzähle ich euch von fotografischen und anderen Dauerpatzern.

Lasst ein bisschen Langsamkeit und „Analogie“ in euren Alltag. Tut nicht weh, ist nur manchmal herausfordernd! :o)






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