ANNsichtssache

Shiny Promises – Gedankentauchen

Insert melancholic music here because when will we learn?

Die Auswahl

Es fing damit an, dass ich als Jugendliche an unserem fetten Computer saß, bis ich mich gegen Mitternacht schweren Herzens ins Bett schieben musste, um in der Schule nicht einzuschlafen. Das war die Zeit, in der ich mich in Frage stellte (Tut das nicht jeder Teenager? Ich weiß es nicht.), in der ich gesucht habe – nach Lebenssinn, meinem Ziel nach dem Schulabschluss, einem Freund. In der ich versucht habe, mich selbst neu zu erfinden – neue Haarfarben, Frisuren (Ja bitte so, wie auf dem Bild!), Klamotten (Wie kann man Chucks am besten verun… äh, individualisieren?), eine schwächelnde Emo-Phase – ihr kennt bestimmt noch die Bilder der schwarzen Leute mit bunten Stern- und Herzchen, die wandelnden Schmuckaufsteller von Claire’s?! – und in der mir mein Dorf zu klein war, um die Kraft für wirkliche Veränderung zu finden.

Chuckliebe

Die Wände meines Zimmers schienen mich einzuengen. Ich malte Bilder, die von fliegenden Seelen und melancholischen Gedanken zeugten. Ich habe Gedichte geschrieben, ja Gedichte. Mann, ist das uncool. Prosa über tiefe Gedanken, die ich heute kaum noch denke. Warum? Weil ich vielleicht erwachsener geworden bin und sich mein Horizont erweitert hat. Vielleicht ist mir auch etwas verloren gegangen? Ich würde es als Sehnsucht bezeichnen, die ich damals hatte – ich wollte Weite, Unabhängigkeit von Rollen, in denen ich mich eingezwängt sah und horizontbreite Möglichkeiten, um meine himmelhohen Träume zu erfüllen. Aber bitte nur die, die genau richtig waren. Und zwar?

In jeder Phase des Lebens werden wir geprägt. Es konnte der Kassettenrekorder sein, der dir Geschichten in die Ohren und die Gedanken geleiert hat, bis sie für dich zur Zuflucht wurden. Mal war es die neue Band, von deren Image der kleine Mensch etwas abhaben wollte. Drück dich nur nah genug an die Musik, an die Menschen und sie drücken dir ihren Stempel auf. Du wirst besonders sein, erkannt. Die Buchbände, die du liebevoll abgestaubt in deinem eigenen Bücherregal gehortet hast, in die du dich verkrochen hast, deren Geschichten du – ja, eigentlich nur du so wirklich – mit gelebt hast. Deine Tränen haben ihre Seiten aufgeweicht, man sieht es noch an dem gewellten Papier. Es gab Zeiten, da war es aufregend, sich in einem Club voller unbekannter Menschen von der Musik und dem Rhythmus tragen zu lassen. Du hast dich schön gemacht, dein Zimmer voller verworfener Klamotten zeugt davon, für das Gefühl, gesehen und erkannt zu werden. Dröhnende Bässe und Drinks und der Glamour hält nicht, was er verspricht. Du weißt das irgendwann. Als ich noch Studentin im ersten Semester war, hat mal jemand die übereifrigen Mädels belächelt, die sich in Scharen in die Studentenclubs drängten. Aufgedonnert und aufgeregt, denn das war ja das freie Leben außerhalb der Heimatstadt oder des Dörfchens, in dem entweder nichts los war oder alles schon so ausgelutscht bekannt, wie ein nimm2-Bonbon – da gibt es ja nur die Wahl zwischen gelb und orange.

shiny promises

Wovon wir heute geprägt werden, frage ich mich. Und wer ist überhaupt wir? Jeder wird auf seine Weise geprägt und doch scheint es, als würde das Internet viele Menschen auf einmal prägen. Ein Horizont vom oberen Rand des Displays zum unteren. Und darin die Welt. Meine Geschichtenkassetten als Kind kennt heute kaum noch jemand, die Bands meiner Jugend lösen sich auf. Die Buchbände sind abgeschlossen und ja, sie verstauben, wenn auch in meinen Regalen. War ich früher sehnsüchtig, bin ich heute seh-süchtig und es brauchte einen Ruck der Überwindung, meine über 3000 Später-Ansehen-Videos auf YouTube rabiat zu löschen. Pfff. Die Luft entweicht, nach einem kurzen Moment der Anspannung. Denn es passiert nichts, nachdem die Liste leergeräumt ist, jedes Video einzeln gelöscht.

Nur neue Möglichkeiten, neue Inhalte.

Möchte ich mich heute festlegen? Feste Rollen einnehmen? Möchte ich mich auf begrenzte Möglichkeiten festlegen? Kleine Träume leben, die mich über-leben?

Fragt mich nicht heute. Fragt mich in zehn Jahren, dann kann ich nostalgische Gedanken formulieren, philosophisch verhandeln, was ich damals übersehen habe.

Oder vielleicht …






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