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#bewusst produktiv: Eine kleine Wohnungskunde – Ordnung vs. Inspiration?

 

bewusst produktiv_Schreibtisch

Ordnung ist ein Thema, mit dem ich schon seit vielen Jahren in einer gewissen Freund-Feind-Beziehung stehe. Ich glaube, dass die meisten Menschen, wie in zahlreichen anderen Bereichen, auch in diesem Bereich von ihrem Umfeld aus Kindheit und Jugend geprägt sind. Als Kind bin ich manchmal bei Freunden zu Besuch gewesen, in deren Haus oder Wohnung alles Ikea-like angeordnet war. Alles war ordentlich, mit Stil und Klasse (na gut, vielleicht nicht nur von Ikea … ) ausgewählt und drapiert und ich hatte eine gewisse Ehrfurcht davor, etwas anzufassen oder mich als Kind darin zu bewegen. Dann gab es die wohnlichen Häuser, denen man ihr Leben und ihr Alter ansah. Überall fand man interessante Details und Gegenstände, deren Zweck mir nicht so ganz ersichtlich war. Also wurden sie kurzum umfunktioniert. Ob es der Schrubber war oder die Verkleidungskiste der Mutter (aka ihr Kleiderschrank und ihr Make-Up) – kreativ wurde es dann, wenn es was zu entdecken gab.

 

Wie sah deine Kindheit diesbezüglich aus? Hast du Erinnerungen an Einrichtung und Ordnung der Häuser und Räume, in denen du gespielt, gelebt und andere besucht hast? Bist du davon geprägt?

 

Ich würde die Prägung im Bereich Ordnung und Einrichtung von vier Faktoren abhängig machen:

  • die Eindrücke von Vorbildern, bei denen man die Füße unter den Tisch stellte
  • der optische Überdruss von „zu viel“, „zu wenig“, „zu bunt“, „zu karg“, …
  • der emotionale Überdruss oder Mangel an Fülle, Vielfalt, Einzigartigkeit, Messie-Dasein, …
  • Trends, die durch Medien, Designer und Möbelhäuser vorgegeben werden

 

Das Thema ist für mich ganz spannend, weil ich mich mit der Frage beschäftige, was zum Einen die Gestaltung meines Wohnraums über meinen Charakter aussagt (Stärken, Schwächen, optischen und emotionalen Überdruss und Mangel) und was zum Anderen eigentlich wertvoll und ansprechend für die Menschen in meinem sozialen Umfeld oder spätere Kinder ist. Ist es die cleane Minimalismusschiene, die einem Menschen einen klaren Verstand und geordnete Gedankenbahnen beschert oder verbaue ich mir und anderen im wahrsten Sinne des Wortes damit Wege in Inspiration, Fülle an Eindrücken und Individualismus, welche nur durch Farbe, Dinge und Entdeckungspotential freigelegt werden?

 

Beantworten kann ich diese Fragen mit meiner Alltagspsychologie natürlich nicht zu 100 Prozent. Aber ich kann aus meinen Erfahrungen und Erlebnissen des Alltags gewisse Schlüsse ziehen. So habe ich zum Beispiel meinen starken Drang zur Dekoration in meinen Jugendjahren irgendwann einfach nur noch satt gehabt und deshalb rigoros aussortiert. Wie tief die (Seh-)Gewohnheit wohl in mir verankert ist, zeigt mir die gelegentliche Reaktion von außen: Ganz schön viel Zeug!

In solchen Momenten muss ich schlucken, denn Veränderung verläuft oft nur schrittweise. Ich sehe meine eigenen Fortschritte, andere vielleicht nicht. Das ist auch nicht entscheidend – wichtig ist, dass ich die Herausforderung immer wieder annehme und hinschaue, wenn ich darauf gestupst werde: Sammle ich zum Beispiel Schätze (auf der Erde, siehe Bibel), die nicht wirklich welche sind? (Man muss Zeitschriften nicht ewig aufbewahren … ) Versuche ich mich mit Inspiration zu überschütten, sodass in dieser Fülle der Fokus auf einzelne Elemente verlorengeht? (Ich liebe Spruchbilder, habe meine Wände jetzt aber etwas entschlackt, da ich das Gesamtbild mehr betrachtet habe, als die Aussage der einzelnen Bilder … ) Bringt mich die Nähe zu meinem Arbeitsmaterial auf dem Schreibtisch zwar dazu, es anzugehen, überhäuft aber mein Blickfeld mit unsortierten, aufgetürmten Blätterbergen und damit auch meine Gedanken?

bewusst produktiv_Rosen

Das sollen Beispiele dafür sein, wie Gewohnheit und emotionale Verknüpfung mit Leere, Fülle und anderen optischen Eindrücken einengen oder befreien können.
bewusst produktiv_SpruchbilderWenn du dich hin und wieder reflektierst, wirst du wahrscheinlich wissen, was für ein Mensch du bist – zum Beispiel mit Hang zum kleinen Chaos. Vielleicht scheiterst du daran, nicht eindeutig zuordenbaren Kram nicht wegzuräumen, d.h. er häuft sich mit seinen Verwandten irgendwo an. Praktisch gesehen hilft da zum Beispiel ein einfaches Kategoriensystem und Kartons, in die sämtlicher Kleinkram eingeordnet wird (Was für eine Erkenntnis … sie hat bei mir erst jetzt „klick“ gemacht.) Das muss gar nicht aufwändig sein, beklebte Schuhkartons tun diesen Dienst wunderbar. Ein weiterer Schritt kann sein, Ablageflächen von Kommoden, Tischen und Schreibtischen möglichst (deko-)frei zu halten. So wird nicht unbedingt Inspiration geraubt, sondern Platz zum Werkeln und Kreieren geschaffen. Ich finde die freie Fläche auf meinem Schreibtisch inzwischen wirklich toll, um mich zu konzentrieren, Platz zu haben und statt toter Deko ein paar Blumen aufzustellen. Durch Maßnahmen wie diese – und natürlich kannst du deine eigenen Möglichkeiten finden – wird der Wohnraum optisch ruhiger und geordneter.

Diese Anregungen sind sehr allgemein gehalten. Was die konkrete Einrichtung und den Geschmack betrifft, möchte ich niemandem reinreden. Es ist toll, wenn Menschen eigensinnige Stile in ihren Wohnraum integrieren und sich darin selbst wiederfinden. Was dabei wichtig ist, ist meiner Meinung nach die Konsistenz (Was drückt es aus, wenn – nicht aus Gründen von Geldmangel – ein pures optisches Chaos herrscht, weil die eine Ecke im schlichten Bauhausstil gestaltet ist und die andere barocke Elemente mit Ikea mischt?) und die Frage danach, was zu der Entwicklung beiträgt, die man sich für sich und die Mitbewohner wünscht. Bist du Kreativling, Elternteil, Unternehmer, Haustierbesitzer, Sportler? Glaubst du, dass dein Wohnraum und dein Einfluss darauf dein Leben auf positive Weise beeinflussen kann?

 

Auf unterster Ebene – lassen wir Geschmack, gesellschaftlichen Status, Einbindung in Arbeit und Verpflichtungen und Zeitmangel mal außen vor – bleibt also die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, den persönlichen und übergeordneten Lebenszielen, der emotionalen Verfassung und dem Potential ihrer Reifung. An dieser Stelle möchte ich auch betonen, dass die Glorifizierung von Interior Design und Ausdruck von Status nicht die tragenden Säulen des Lebens sein können (ebenso wenig, wie das Horten von Dingen und das Festhalten am Chaos). Ein Auge für Ästhetik, persönlichen Geschmack und Ordnung kann einen Wohnraum schön machen, aber richtig wohnlich wird er durch das Leben, das ihn erfüllt. Ein Wohnzimmer kann von ausgelassenem Kinderlachen erfüllt sein und Kakaoflecken auf dem Teppich aufweisen. Nach Maß und mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, können dennoch Streit oder unterschwellige Traurigkeit das Leben in ihm prägen.

„Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, die unvergänglich sind und die kein Dieb mitnehmen kann.“ Die Bibel in Matthäus 6,20

 

Bewusstheit und Produktivität gehen hier also wieder Hand in Hand. Und da ich selbst Lernende bin und noch vieles zu bearbeiten habe, freue ich mich auch über Kommentare über eure Sicht auf das Thema! :) Nehmt ihr euch die Zeit, um euer Wohnkonzept und eure Ordnung zu überdenken und überarbeiten?

bewusst produktiv_Schreibtischkonfetti und Notizzettel




2 Comments

  1. Liebe Anne, das sind voll interessante Gedanken zur Ordnung und wie man selbst ist. Meine Eltern als Vorbilder waren extrem unterschiedlich, aber früher zu Hause war es doch eher aufgeräumt. Ich selbst bin eher ordentlich mit regelmäßig auftretendem Chaos auf meinem Schreibtisch :D
    Ich denke, dass es das Leben(sgefühl) extrem beeinflussen kann, wie man seinen Wohnraum gestaltet. Ich z.B. kann es total nicht vertragen, wenn mein Zimmer zu bunt ist, weil es mich zu sehr ablenkt. Ich habe deshalb weiße Wände und zwei-drei Bilder, mehr würde mich stören. Ich brauche deshalb eine schlichte, einfache Einrichtung in ähnlichen Tönen, um mich entspannen und wohlfühlen zu können. Wenn ich schlechte Laune habe, hilft es mir auch sehr, aufzuräumen, weil die dann eintretende Ordnung eine beruhigende Wirkung hat :)
    Voll spannendes Thema! Ich bin da bei meiner Einrichtung immer noch beim Ausprobieren. Es ist auch ein spannender Prozess, seinen eigenen Stil zu entwickeln, weil man sich ein Stück weit darüber dann definiert.

    1. Danke für deine Perspektive, Friede :) Haha, Schreibtischchaos? Kenn ich gar nicht :D Ja, ich finde auch, dass die Definition darüber ganz interessant ist … von deinem Kommentar her merke ich schon, dass wir da unterschiedlich sind und das ist sicher auch bei vielen Paaren so, die dann auch auf sichtbare Weise „eins“ werden müssen. Mein Mann hat nichts dagegen, wenn er mal einfach was ablegt (und es dann länger so liegen bleibt), ich will mir das aber gerade abgewöhnen und da muss ich erstmal lernen geduldig zu sein. ;) (um nicht das Fass von den Filmplakaten an den Wänden aufzumachen… :o)
      LG!

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